wenn sie so wollen, eine erfolgsgeschichte

Uwe Warnke: Wenn Sie so wollen, eine Erfolgsgeschichte: Entwerter/Oder

In leicht veränderter Form erschienen in: Bertelsmann Briefe. Die Zukunft des Buches, Heft 136, Herbst/Winter 1996

Ein Freund und ich hatten uns 1979 oder 80 in Dresden einander offenbart, dass in den Schubläden unserer Schreibtische eigene Texte lägen und diese uns wenig später vorgelegt. Nachdem wir sie begutachtet und für gut befunden hatten, kamen wir nicht auf die Idee, sie nun an literarische Zeitschriften oder gar Verlage unseres Landes zu senden. Etwas selber zu machen, selbst herauszugeben, gefiel uns. Siegmar Körner der eine, studierte gerade noch Landschaftsarchitektur und sollte wenig später an den Bereich Puppenspiel der Schauspielschule „Ernst Busch“, Berlin, wechseln und Uwe Warnke, der andere, war gerade dabei sein Kartografiestudium an selbiger Technischen Universität zu beenden. Einige Zeit verging bei der Suche und den Vorgesprächen mit Freunden und möglichen Mitstreitern. Als sich dies in eine unbestimmte Länge zog, war klar, wir mussten einfach beginnen. In dieser ganz typischen DDR-Situation verfing sich vieles. Wir beendeten die ewige Diskussion. Jetzt hieß es: machen, etwas vorlegen. Immerhin, wir hatten Texte. Sollte es ein Buch, ein Heft, eine wie auch immer geartete Publikation werden? Wir riefen ein Projekt ins Leben und gaben ihm den Namen ENTWERTER/ODER. Ein Wortspiel, das wir dem Slang entnahmen, den wir wohl selber gelegentlich pflegten. Unser erstes Produkt erschien im März 1982. Die Inhaltsseiten waren auf verschiedenen Schreibmaschinen mit jeweils drei Durchschlägen abgeschrieben und die Deckel von Hand bemalt worden. Das ergab vier Exemplare. Gehalten wurde alles durch eine mit Nadel und Faden gefertigte Rückstichheftung. Keiner von uns beiden dachte daran, dass hiermit eine Zeitschrift gegründet worden wäre. Dennoch begleiteten einige Befürchtungen unserer Unternehmung: Was passiert nun? Hat das jetzt Folgen? Wird es Schwierigkeiten geben? Immerhin hatte unsere eigene Schere im Kopf bereits reagiert. Eine Erzählung, die die fiktive Teilung Dresdens beschrieb und dabei auf bestimmte politische Phänomene in der DDR abhob, schnitten wir kurz vor dem Verteilen wieder heraus und ersetzten sie durch andere Texte. Es gab für uns einfach keine Erfahrungen aus solchen Situationen. Die möglichen Folgen blieben im Diffusen.

Von Vertrieb konnte keine Rede sein. Jeder von uns beiden erhielt ein Exemplar, wir waren mittlerweile in Berlin angekommen, und die beiden anderen verschickten oder übergaben wir an zwei Freunde, einmal in Dresden und einmal in Wismar, mit der Bitte, sie in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis herumzureichen. Damit meinten wir, der größtmöglichen Verbreitung Genüge getan zu haben.

Auf dem Deckel stand „Heft Nr. 1“ und es ließ sich daraus schon schlussfolgern, dass weitere Ausgaben wohl folgen würden. Schon beim zweiten Heft reichte die Anzahl der vier Exemplare nicht aus, allen fünf Autoren ein Exemplar zu überreichen. Die Auflage wurde auf zehn Exemplare erhöht. Das Format pegelte sich nach drei Versuchen beim gebräuchlichen A4 (21 x 29,7 cm) ein. Das Prinzip, dass der teilnehmende Künstler oder Autor seinen Beitrag selber herstellt, mir liefert und dann nach Fertigstellung der Ausgabe ein Belegexemplar erhält, ist in dieser Situation geboren worden (und wird übrigens bis heute so praktiziert).

Ein Musiker und Freund aus Dresden, Lothar Fiedler, meldete sich brieflich bei mir und forderte mich auf, an einer von ihm nun ebenfalls gegründeten Zeitschrift namens UND mitzuwirken. Ich solle dies nicht als Konkurrenz missverstehen, es geben ja gar nicht genug solcher Initiativen. Spätestens jetzt war klar, dass „Zeitschriftenunwesen“ war ins Leben getreten und hatten Fahrt aufgenommen.

Wurden in der Folgezeit nicht alle Exemplare als Belege gebraucht, so tauschte ich sie mit Exemplaren anderer, nun ebenfalls ins Leben gerufener, ähnlicher Projekte (UND später USW. und danach USF. in Dresden, A3 in Karl-Marx-Stadt, Reizwolf in Weimar, ANSCHLAG in Leipzig, Schaden, Ariadnefabrik, Koma Kino, BREAGEN und andere mehr in Berlin). Einziger, unfreiwilliger Effekt war so das langsame Entstehen einer eigenen Sammlung. Kommerzielle Interessen gab es damals nicht. Allein das Behaupten und weitere Ausbauen eines vermeintlich selbstbestimmten Freiraumes machte Sinn und brachte einigen Lustgewinn. Die Produkte dienten der künstlerischen Kommunikation. Wir waren auf eine Rückkopplung aus, möglicherweise auch auf eine wie auch immer geartete kulturelle Anbindung. Dieses Netz wäre erst noch zu schaffen. Wir waren dabei, es entstehen zu lassen.

Entwerter/Oder erschien weiter und regelmäßig in loser Folge. Längst waren die bildenden Künstler dazugekommen und gaben Druckgrafiken oder Zeichnungen. Die Fotografen beteiligten sich mit handabgezogenen Fotos. Gelegentlich lag eine Audiokassette dabei. Wir fertigten Terminkärtchen auf der Basis von Dokumenten- oder Fotopapier und verteilten sie unter den Freunden und interessierten Künstlern. Auf diesen wurden die Redaktionsschlüsse verschiedener Ausgaben eines Jahres angekündigt. Dies war einfacher, als immer wieder zu erinnern. Das Interesse junger Autoren, Künstler und Fotografen sich hieran zu beteiligen war groß und wuchs. Dennoch bedurfte es immer wieder eines Anstoßes, denn der handwerkliche Aufwand bei der Fertigstellung eines Beitrages war häufig sehr groß.

Bei all dem wurden besonderer Vorkehrungen zur Konspiration nicht unternommen. Wer Ohren hatte der konnte hören und wer Augen hatte der konnte sehen(oder lesen). Vielleicht waren wir auch naiv, aber dies schien uns so allemal besser, als das landauf landab zu beobachtende und zermürbende Hocken des Hasen vor der Schlange.

Als sich im Sommer 1984 herumsprach, dass drei denkmalgeschützte Industriebauten im Prenzlauer Berg einfach auf höheren Geheiß von der Denkmalliste gestrichen werden konnten und nun gesprengt werden sollten (und alles, um dem entstehenden Thälmann-Denkmal einen frohmütigeren Hintergrund mittels später noch zu bauender sozialistischer Platte zu liefern), erregte das auch unseren Widerspruchsgeist. Dank einer gewissen Organisationsstruktur konnten wir innerhalb von 14 Tagen eine Ausgabe herstellen, der wir den Titel GASOMETER INTERIM gaben. Dies hielt die Sprengung, ein weiteres Verbrechen, nicht auf, aber wir hatten auf diese Weise das erste Sonderheft herausgegeben. Mir gefiel das übergreifende eines Themas, so dass ich im weiteren für einzelne Ausgaben Themen vergab: statt stadt, berliner mauern, Parodien, Visuelle Poesie, Musik, einzig einsam etc.. Auch das weitere Herausgeben von Sonderheften hatte hier seinen Anfang genommen. Damit bestand die Möglichkeit, für eine kleine Gruppe oder z.B. einen Künstler allein, ein ganzes Heft zu machen. Diese wurden aus der normalen Reihe herausgenommen und extra nummeriert. Als wir in einer leerstehende Wohnung in der Kollwitzstraße 50 am Totensonntag des Jahres 84 eine Ausstellung machten, natürlich begleitet von Lesungen, Vorführung von 8-mm Filmen usw., gab es einen handgefertigten Katalog: das Sonderheft Nr. 2. Der Konzeptfotograf Kurt Buchwald und ich sollten im weiteren allein 5 Sonderausgaben zur Fotografie herausgeben.

Dies war auch die Zeit, als sich uns der Buchbinder Hinrich Peters mit dem Angebot näherte, für den Erhalt eines Belegexemplars bei Bedarf und am Meister vorbei, die nun folgenden Ausgaben zu binden. Ich war dankbar. Die Zeit des Hefte-Bohrens und Bindfäden-Vernähens hatte ein Ende gefunden. Die bis heute gültige und stabilere Form war gefunden: Blockheftung sowie gerillte Inhaltsseiten und Buchdeckel.

Es entstanden so im Jahr etwa 4 bis 5 Ausgaben und zusätzlich Sonderausgaben, von denen auch 1, 2 oder 3 im Jahr fertig wurden.

Anfangs verzichteten wir bei allen hereinkommenden Beiträgen auf jede Form von Einflussnahme. Es gab also keine Zensur. Schon auszuwählen hätte bedeutet zu trennen, zurückzuweisen. Zunächst gab es die Ansicht, dass wir uns mit genau diesem Herangehen an unser Projekt vom landesüblichen Umgang mit der Zensur in den Redaktionsstuben ganz wesentlich unterschieden. Es ließ sich eine Weile gut damit leben und doch gab es eine gewisse Unzufriedenheit. Wie findet dann eine Auseinandersetzung um ästhetische Maßstäbe oder um das was zeitgenössisch ist statt, wie findet Kritik ihren Niederschlag? Wie formt man, wie erhöht man Qualität usw…

Im Frühjahr 1985 erschien in der Westberliner Stadtzeitung zitty ein Artikel über diese Formen der Selbstorganisation entsprechender Szenen Ostberlins. Niemand hatte zuvor mit mir Kontakt aufgenommen. Der Artikel nahm die Vogelperspektive ein und beschrieb die Aktivitäten eher als die einer Rummelplatzromantik: „Ganz lustig da drüben“. Geradezu gefährlich war die dort zu lesende Bemerkung, das der Kreis um Entwerter/Oder, verbalradikal wie dieser nun mal sei, „schon einmal darüber nachdächte, wie man im Samisdatverfahren ein Bömbchen basteln könne“. Hierin steckte zum einen die gnadenlose Bedenkenlosigkeit schreibender Westberliner Kulturschickeria, die sich wie immer keine Vorstellung von eigenen Tun und den Gefahren die das wohl anderswo brächte machte und zum anderen die knallharten Vorurteile, Neid, Gegnerschaft ihrer Ostberliner Szeneinformanten. Glücklicherweise brauchte ich in den folgenden Wochen nicht die Bekanntschaft mit mir unbekannten Herren, die sich als der Kriminalpolizei zugehörig auszuweisen pflegten und mal das Bömbchen zu sehen wünschten, machen. Es passierte äußerlich nichts. Nur Frau Rinklebe, die älteste Bewohnerin unseres Wohnhauses, steckte mir regelmäßig, dass sich irgendwer mal wieder nach mir erkundigt habe. Natürlich hätten die Herren, so die unter mir wohnende alte Dame, von ihr nichts erfahren.

Ab dieser Zeit machte ich Entwerter/Oder allein. Mein persönliches Interesse lag im Erkunden experimenteller Schreibweisen, Visueller Poesie; Zeitgenossenschaft galt als Qualitätssiegel. Als ich die erste Ausgabe zur Visuellen Poesie herausgeben wollte, nahm ich Kontakt zu Künstlern im Westen auf, von denen ich wusste, dass sie auf diesem Feld arbeiteten. Interesse brauchte bei Ihnen nicht erst geweckt werden, es war einfach vorhanden. Alles weitere ging reibungslos. Ich erhielt die Beiträge mit der Post und machte die Ausgabe. Mein Misstrauen galt nun allerdings dem Rückweg. Doch auch hierfür wurde schnell eine Lösung gefunden. Thomas Günther hatte Kontakte zu einigen Korrespondenten westlicher Zeitungen oder Agenturen. Diese wurden nun gebeten, die Exemplare in den Westen mitzunehmen und dort zur Post zu bringen. Das klappte. Da sei heute und an dieser Stelle noch einmal Dank gesagt.

Die Ausstellung wort & werk, einen Monat lang ausgerichtet im Vorraum der Samariterkirche des Pfarrer Eppelmann, Berlin-Friedrichshain, bot im Sommer 1986 zum ersten mal eine gute Gelegenheit, in einer DDR-weiten Gesamtschau dieses Zeitschriftenphänomen wahrzunehmen. Entwerter/Oder war natürlich beteiligt. Im Vorfeld hatte es Versuche der Einflussnahmen gegeben. Dennoch fand die Veranstaltung gut besucht einen Monat lang mit Lesungen und Konzerten statt. Ein Wermutstropfen stellt sich doch immer wieder ein, wenn ich hiervon erzählen, denn meine Exemplare, die ich Egmont Hesse für diese Ausstellung übergab und die dort auch zu sehen waren, galten später als verschwunden. Ich habe sie nie zurückerhalten. Auch auf diese Weise haben sich einige in den 80ern eine D-Mark gemacht.

In der zweiten Hälfte der 80er erreichte mich durch die Vermittlung des in Dresden lebenden Künstlers Micha Brendel, der USW. herausgab, ein Angebot der Sächsischen Landesbibliothek Dresden, regelmäßig ein Exemplar von Entwerter/Oder an sie zu verkaufen. Man bot 150 Mark. Es sprach sich schnell herum, dass dieses Angebot nicht nur an uns ergangen war. Mit der Bedingung, die Ausgaben auch einem interessierten Publikum dort zugänglich zu machen, hatten alle einem solchen Verkauf zugestimmt. Auch die Bibliothek hatte ein gewisses Misstrauen in den Service der Deutschen Post, so dass uns angeboten wurde, unsere Sendungen dem wöchentlich nach Dresden fahrenden Kurier der Akademie der Wissenschaften und der Staatsbibliothek Ostberlins zu hinterlegen. Anfänglich nutzte ich das auch, doch mein Vertrauen hierin war auch nicht größer, so dass ich später ganz konventionell doch der Deutschen Post mein Gut anvertraute.

Es war wohl doch schwierig in der Sächsischen Landesbibliothek an die dort nun gesammelten Exponate leihweise heranzukommen. Lag dies am subversivem Gehalt oder, wie sich eine Mitarbeiterin einmal ausdrückte, daran, dass die Ausgaben ja schon beim bloßen Ansehen auseinanderfallen würden und damit eines Schutzes bedurften? Natürlich war das nicht in Ordnung und dennoch war es aus heutiger Sicht gut, diese Verkäufe getätigt zu haben. Es ist in dieser Bibliothek eine einzigartige Sammlung entstanden, die bis heute gepflegt und betreut wird (und demnächst auf CD-ROM zu erwerben und zu betrachten sein wird).

Natürlich waren auch im Westen Sammler, Bibliotheken und Museen auf die illegal erscheinenden Zeitschriften aufmerksam geworden. Unsere Produkte wurden für außerordentlich authentisch gehalten und waren daher begehrt. Verschiedene Institutionen begannen nun zu sammeln: das Deutsche Literaturarchiv, Marbach, die Stadt- und Unibibliothek, Frankfurt/Main, das Klingspor-Museum, Offenbach, die Osteuropasammlung der Bremer Universität u.a.m. sowie Privatsammler. Das sollte uns später einen großen Vorteil für die Wendezeit verschaffen. Wir waren quasi auf dem Westmarkt angekommen und eingeführt.

In den letzten beiden Jahren der 80er Jahre lockerte sich von offizieller Seite der Umgang mit uns. Wir bestritten erste Veranstaltungen in Literaturclubs, wurden eingeladen, an Sommerkursen der Universität Rostock teilzunehmen, beteiligten uns an öffentlichen Ausstellungen, erste Bücher beteiligter Autoren konnten erscheinen. Und bei ENTWERTER/ODER erschien im Frühjahr 90 die thematische Ausgabe Tapetenwechsel (E/O Nr.39 – nun endlich auch mit in der Nr.1 herausgeschnittenen Erzählung Siegmar Körners).

Zu dieser Zeit hatten an Entwerter/Oder ca. 135 Autoren, Künstler, Fotografen aus 9 Ländern mitgemacht und mitgestaltet. Die Wende brachte viele neue Möglichkeiten. Plötzlich hatten wir Zugang zu Kopierläden, zu Druckereien, auch zu anderem Material. Auf der einen Seite brachte das mehr Professionalität, auf der anderen aber auch die Frage, ob so weiterzumachen wie bisher noch Sinn mache. Allerdings brachte die Einladungen zu einer Ausstellungen von Künstlerzeitschriften aus aller Welt, die als Sonderschau der damals noch stattfindenden Kunstmesse Nürnberg 1991 eingerichtet war, zum einen die Erkenntnis, das die von uns im Osten hergestellte Selbstorganisation in Künstlerkreisen Westeuropas ganz selbstverständlich war und zum anderen die Erfahrung, hier mit offenen Armen aufgenommen worden zu sein. Es waren insbesondere die Künstler um ENTWERTER/ODER, die mir Mut machten, gerade jetzt doch nicht etwa aufzuhören. Außerdem erreichten mich gute Nachrichten. 1991 erhielt ich, gestiftet von der Stadt Mainz und alle zwei Jahre vergeben, den Viktor Otto Stomps-Preis für die verlegerische Leistung an und mit ENTWERTER/ODER. Soviel Mutmacher zusammen ließen ja gar nicht erst zu, jetzt aufzuhören.

Und dann war da ja noch die Stasi-Akte. Es dauerte einige Zeit bis ich sie in die Hände und zu lesen bekam; eine von mir beantragte Dringlichkeit beschleunigte dies ein wenig. Damals wurde die Akte eines über mich verhängten OPK „Pasquill“ aus dem Jahr 89 gefunden. Er bewies erst einmal nur erhöhte Aktivität auf Seiten der Stasi, ausgeführt von Personen, die ich nicht kannte und nicht aus meinem Umkreis kamen. Darüber war man ja schon froh. Immerhin führte der OPK dazu einzuschätzen, dass im Jahr 89 ein Vorgehen der Stasi gegen mich vom zu erwartenden Effekt her kontraproduktiv wäre. Um das Projekt Entwerter/Oder und mich würde es in der Folge wohl auch international ein Aufsehen geben, was ja gerade verhindert werden sollte. Man las, wie wir heute wissen, über ein, zwei Zuträger mit und nahm so aus der Distanz zur Kenntnis, ließ uns aber ansonsten gewähren. Die Aufregung hielt sich in Grenzen.

Die Arbeit an ENTWERTER/ODER ging weiter. Es gab eine Menge Ideen auf Seiten der Künstler und zahlreiche gute Angebote auszustellen und Lesungen zu veranstalten. Ich reiste durch ganz Westdeutschland und hielt Vorträge über die 80er Jahre in der DDR. Immer noch erschienen 4 – 5 Ausgaben von ENTWERTER/ODER pro Jahr. Die Auflage betrug nun 30 Exemplare. Jede Ausgabe war sofort vergriffen. Rund um die Nummer 50 veranstalteten wir ein Jubiläum: höhere Auflage und eine Ausstellung. Nun konnten auch mal größere Sammlerkreise befriedigt werden.

ENTWERTER/ODER machte weiterhin Sinn. Ich widmete mich mehr und mehr dem Experiment, der neuen Form, dem Wagnis. Gerade hierfür verschloss sich aus Effiziensgründen der so gerühmte Markt. Der Zeitschrift und mir war es allerdings viel Wert. Auch das mögliche Scheitern, ja immer Bestandteil eines wirklichen Experiments, stellte kein Problem dar. Mein Interesse ist nach wie vor groß. Der Kreis der Beteiligten ist bis heute kein hermetischer. Interessante Arbeiten regen mich an, Kontakt aufzunehmen. Man probiert aus, ob man miteinander arbeiten kann und tut es unter Umständen dann auch.

Neben der Arbeit an ENTWERTER/ODER gibt es zahlreiche Künstlerbücher und Editionen, die von mir in den 90ern herausgegeben wurden. Dabei stellte immer die Arbeit an ENTWERTER/ODER die Basis da. Hier begann und beginnt immer eine Zusammenarbeit und ist immer wieder neu. Man kann schon auf den Gedanke kommen, wenn man unbedingt will, nach 76 Ausgaben und 18 Sonderausgaben von einer gewissen Routine zu sprechen. Gewiss, ich kenne die technischen Voraussetzungen und Möglichkeiten, weiß was geht und was nicht. Doch bis eine neue Ausgabe entsteht, ist immer wieder alles offen, gibt es Rätsel und Probleme, scheint nichts und erst recht nicht wie man will, fertig zu werden. Es ist eher so, dass jede neue Ausgabe eine neue Herausforderung ist; nicht wie beim ersten mal, aber doch einzigartig und unkonventionell, eben: ENTWERTER/ODER.

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