entwerter-material

Uwe Warnke: Entwerter -Material (den Umständen entsprechend)

erschienen in: Die Addition der Differenzen, Berlin 2009

Mit dem erklärten Ziel, dem eigenen Schreiben mehr nachgehen zu wollen, kam ich im Winter 1981/82 nach Berlin. Der Friedrichshain, „zwischen Aufruhr und Langeweile“, nahm mich gleichgültig auf. Nach Erfahrungen fragte niemand. Man war einfach da.

Die Idee, eigene Text selbst zu publizieren, hatte mich schon in Dresden umgetrieben. Sie brauchte offensichtlich noch ein wenig Zeit und eine andere Stadt. Gemeinsam mit dem angehenden Puppenspieler Siegmar Körner gründete ich 1982 das Projekt Entwerter/Oder. Ein Wortspiel als Titel, vielleicht war das der kleinste gemeinsame Nenner. Frage: „Was bleibt mir Walter Ulbricht?“ Antwort: „Grünau!“ So etwas, „zum Bleistift“, hatte mittlerweile Einzug in die Alltagssprache gehalten. Der Sprachwitz, der auch Ideologieverschleiß war, sollte uns recht sein. Die politischen Implikationen waren dabei überdeutlich. Später wird jemand, nun aber bezogen auf unser Projekt, fragen: „Was, bitte, wird denn entwertet und womit füllt sich das Oder?“

Die Texte waren abgetippt und irgendwie in ein Format gebracht, soweit es die gerade erworbene Erika-Breitwagen-Schreibmaschine ermöglichte. Die Entscheidung, eine Auflage von vier Exemplaren zu wählen, war gefallen. Alles war schon mit der Hand zusammengenäht, da erreicht mich folgendes Telegramm:

1Telegramm

Wir schnitten einen längeren Text, eine Erzählung Siegmar Körners, die die Teilung Dresdens entlang der Elbe beschrieb, heraus und ersetzten sie durch andere Texte, die wir vorsichtig hinein klebten. Der Vertrieb, der hier eine Verteilung war, sah wie folgt aus: wir hielten jeder selbst ein Exemplar in der Hand, eines gaben wir nach Dresden und das letzte an einen Freund in Wismar. Wir wollten es auf diese Weise „breit“ streuen; des größeren Einflusses wegen.

In dieser ersten Nummer, und übrigens nur in dieser, hatten wir Pseudonyme gewählt. Dies alles war noch ein deutlicher Ausdruck gewisser Unsicherheit: Was wird passieren?

Es passierte nicht viel, jedenfalls nicht von staatlicher Seite. Wie mir die Nachbarn steckten, sammelte die Stasi von nun an diensteifrig Material und ließ dies in den OPK „Pasquill“ fließen. Dieser stellte die Frage, ob das Herausgeben einer nicht-lizenzierten Zeitschrift strafrechtlich relevant sei. Das war es wohl, doch die Stasi muss hier bereits abgewogen haben; und zwar zwischen Aufwand und Nutzen. Auch die Erkenntnis, dass der Einfluss dieser Art von Publikation „über 2 Häuserblocks“ nicht hinaus ging, mag sich herumgesprochen haben.

Da Entwerter/Oder in losen Abständen unter gleichem Titel und nummeriert immer wieder neu erschien, musste es sich um ein Periodikum, also eine Zeitschrift, handeln. Das Zeitschriftenunwesen (Christoph Tannert) nahm nun seinen Lauf.

Was dieses Periodikum tatsächlich auslöste steht auf einem anderen Blatt. Am 30.03.1982 erreichte mich aus Dresden ein Brief des Musikers und Komponisten Lothar Fiedler:

2Fiedler Brief Seite12Fiedler Brief  Seite2

UND wurde in Dresden gegründet, USW. (herausgegeben von Micha Brendel) folgte ebenda, als Fiedler Richtung Westberlin ausreiste, USF. (herausgegeben von Thomas Haufe) schloss sich an.

Die Ausgaben von Entwerter/Oder erschienen in loser Folge. Texte standen neben handabgezogenen Fotografien und Originalgrafiken, gelegentlich wurden Musikkassetten eingelegt. Da manche Texte ihre Kraft erst durch den Auftritt des Autors offenbarten, organisierten wir Lesungen in Wohnungen, Kellerräumen etc.

3Einladung T. di Roes

Als sich im Sommer 1984 herumsprach, die historischen Gasometerhüllen, fest verankert (wie wir naiv glaubten) auf der Denkmalliste Ostberlins und unverrückbares Wahrzeichen des Prenzlauer Bergs, sollten der sozialistischen Stadt weichen, von der Liste gestrichen und gesprengt werden, organisierten wir auf Zuruf innerhalb von 14 Tagen das erste Entwerter/Oder Sonderheft. Dies konnte die Sprengung nicht mehr aufhalten. Die Fotos von derselben wurden nachgeliefert.

4Gasometer

Dieses Heft war der Beginn von Themenvorgaben und weiteren Sonderheften. Von nun an wechselten sich thematische Ausgaben und „freie“ Ausgaben ab.

Was noch fehlte waren Ausstellungen. Im Herbst 1984 wurde uns eine leer stehende Wohnung in der Kollwitzstraße 50 für ein Wochenende angeboten. Ich weiß nicht mehr wie und durch wen. Wir wählten den Totensonntag und veranstalteten den „Letzten deutschen Herbstsalon“. Es wurden Bilder von Wolfram Adalbert Scheffler, Horst Bartnig, Martin Claus, Klaus Storde, Tina Bara, Joseph Huber, Karla Sachse, Frank Herrmann und anderen gezeigt. Martin Heydecke, Werner Schultz, Tohm di Roes und Johannes Jansen lasen eigene Texte. Mario Achsnick und Klaus Storde zeigten je einen Film. Sonntagabend war alles vorbei und verschwunden. Nichts deutete mehr an eine Zusammenkunft von ca. 100 Leuten

Diese Methode sollten wir noch verfeinern. Zum 20. Entwerter besetzten wir lediglich einen Abend lang (08.03.1986) eine Wohnung nach selbem Muster. Das wichtigste schien uns die Dokumentation des Ganzen (in diesem Fall besorgt von Claus Bach), die wir in einer der nächsten Ausgaben nachlieferten.

Für ziemlichen Wind sorgte ein Artikel in der Westberliner Stadtzeitung zitty im Frühjahr 1985. In der Ausgabe 7/85 beschrieb ein gewisser Konstantin Opel, eingebettet in einen Artikel zum Themenschwerpunkt Kultur in Ostberlin unter der Zwischenüberschrift Die Wüste lebt. Subkulturelle Impressionen aus Ost-Berlin unter anderem die illegalen Zeitschriftenaktivitäten in Ostberlin. Dort war zu lesen, in Entwerter/Oder denke man schon einmal darüber nach, „im Samisdatverfahren ein Bömbchen (zu) basteln“. Ein Bömbchen basteln! Abgesehen von anderen, sachlichen Fehlern war dieser Artikel einfach gefährlich, wenigstens doch fahrlässig; fast so, als wollte mich jemand ans Messer liefern. War der Artikel von einem Westberliner geschrieben und wusste er einfach nicht, was er da tat? War es gefährliches Konkurrenzverhalten, das Opfer in Kauf nahm? Durch nicht vorhandene oder halboffizielle Arbeitsverhältnisse war ich ohnehin angreifbar genug, andererseits aber auch durch nichts zu locken. Es blieb erst einmal alles beim alten; auch bei der Beobachtung durch die Organe aus der Distanz.

5Kärtchen EO

1986 kündigte sich die Ausstellung Wort & Werk, die erste Übersicht schaffende Schau der verschiedenen original-grafischen Zeitschriftenprojekte landauf landab in der Samariterkirche in Berlin-Friedrichshain an. Egmont Hesse besuchte mich und erbat verschiedene Ausgaben von Entwerter/Oder, die er auch erhielt. Natürlich, wir waren gern dabei. Der Veranstaltungsplan, ohnehin eng gestrickt, schloss mehr aus als ein. Die Organisatoren waren auch die Platzhirsche. Egal, ich habe die Lesungen und Konzerte, die mir tatsächlich wichtig waren, noch gut in Erinnerung.

Als die Ausstellung längst Geschichte war, es muss im Herbst desselben Jahres gewesen sein, wollte ich meine ausgeliehenen Entwerter/Oder –Ausgaben gern zurück haben und wurde unfreiwillig Teil eines absurden 2 Personen Stückes vor Wohnzimmerschrank. Ich traf Egmont Hesse auf der Straße und erbat die Rückgabe der Zeitschriften. Wir gingen in seine Wohnung. Er öffnete eine Wohnzimmerschranktür. Wir schauten in leere Fächer und er sagte: „Oh, da ist nichts mehr da.“ Das war’s dann. Ich habe meine Exemplare nie wieder gesehen. Niemand entschuldigte sich. Offensichtlich waren sie längst gen Westen verscherbelt worden. Niemand machte den Versuch, mir einen Teil der damit verdienten bunten Kohle anzubieten. Verträge? Nichts da. Lieferscheine? Vergiss es! Vertrauen? Na ja …

Die Hefte wurden gleich nach Fertigstellung einer Ausgabe je ein Exemplar an die Beteiligten verteilt. So hielten wir es von Anfang an. Gelegentlich blieb ein Exemplar übrig. Dieses wurde mit anderen Hefteditionen in Dresden, Leipzig, Weimar oder Berlin getauscht. Es änderte sich etwas, als mich im April 1987 ein kleiner Brief aus der Sächsischen Landesbibliothek Dresden erreichte:

6Brief LaBi 31.3.87

Nachdem wir uns später durch einen Besuch in Dresden kennen gelernt hatten, wurde ein regelmäßiges Versenden an die Landesbibliothek vereinbart. Ich stellte eine Rechnung und erhielt 150 Mark. Ein immerwährendes Thema dabei war ein sicherer Lieferweg. Es sei hier allerdings angemerkt, dass in allden Jahren nie ein Päckchen weggekommen ist; es sei denn, es sollte die Westgrenze passieren.

Von nun an war klar (wenn nicht ohnehin durch Informanten seit geraumer Zeit in Szene gesetzt), dass die Stasi ganz offiziell mitlesen würde. Eine Bibliothek ist eine Bibliothek. Das beunruhigte uns nicht mehr. Wir hatten nichts zu verbergen. Konspirativ, wie wir heute wissen, verhielten sich ganz andere.

Fußnoten

1 Entwerter/Oder war der Versuch, dem Für-den-Schreibtisch-Schreiben selbstverantwortlich ein Ende zu machen, gleichzeitig für sich und andere einen Freiraum zu öffnen und zu behaupten. Die Texte waren Erstveröffentlichungen, das Bildmaterial waren Originale. Bis 1989 veröffentlichten ca. 120 Autoren und Künstler aus 9 Ländern.

2 Abramowski, Boxhagen zwischen Aufruhr und Langeweile, Berlin, 2003

3 Erfahrungen mit der Buchkunst- vor und nach 1989, Offenbach, 2009

4 Entwerter/Oder erscheint bis heute; experimentelle Schreibweisen, Visuelle Poesie, Erzählungen, Essais, zeitgenössische Kunst (Grafik, Fotografie, Zeichnung, Collage) machen das heterogene Erscheinungsbild jeder Ausgabe aus. 96 Ausgaben und 27 Sonderausgaben sind bis zum Herbst 2009 erschienen, die in zahlreichen öffentlichen und privaten Sammlungen gesammelt werden. (siehe auch: wortgang, Burgk, 1996)

5 OPK: Operative Personen Kontrolle (Pasquil=Schmähschrift(sic!))

6 Alfred Döblin über den Einfluss kleiner literarischer Zeitschriften in den 20er Jahren

7 im Archiv des Prenzlauer Berg Museums einzusehen

8 siehe auch: Kunstsalon, 2. Entwerter/Oder Sonderheft, Berlin, 1984

9 zitty 7/85, Einfach glänzend, Seite 33 – 41, Berlin, 1985

10 siehe auch den Artikel „Wort und Werk“ von Peter Böthig in diesem Buch

11 So ist es im Übrigen bis heute.

12 Sascha Anderson schrieb Berichte für die Stasi unter dem Decknamen IM Fritz Müller, IM David Menzer, IM Peters / Rainer Schedlinski gab sich mit dem Decknamen IM Gerhard zufrieden.

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